NSG Zechsteinhänge bei Lieschensruh

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Erstausweisung: 1991
Gemeinde: Edertal (Affoldern, Bergheim, Buhlen, Mehlen)
MTB 4820
Schutzgrund: Troc, Pfls
Größe: 42 ha
FFH-Gebiet Nr. 4820-302

 

Presseberichte:
HNA, 20.03.2015, Freier Blick auf Steilwand (PDF) - Bergflanke bei Lieschensruh wurde wieder freigeschnitten


Lage und Besonderheiten
Seine Schutzwürdigkeit verdankt dieses Gebiet vor allem den orchideenreichen Kalkmagerrasen auf Zechstein. Insgesamt haben zehn Arten mit teilweise großen Beständen gute Wuchsbedingungen. Das NSG liegt in dem niederschlagsärmsten Bereich des Kreises (unter 600 mm Jahresniederschlag). Dadurch kommen hier viele Trockenheit und Wärme liebende Pflanzenarten vor.

 

Das NSG setzt sich aus vier Teilflächen zusammen: Der größte Komplex besteht aus den linksseitigen Hängen des Netzetals zwischen der Siedlung Lieschensruh und Buhlen sowie dem unteren Bereich des Eschgrabens und dem Gemeindsgraben. Einbezogen sind auch der gehölzbestandene Hang an der alten Straße südlich Buhlen, der rechtsseitige Hang zwischen der Eisenbahnbrücke und Lieschensruh (Franzosenrain) sowie die Zechsteinwand zwischen Affoldern und Lieschensruh. Die linksseitigen Netzetalhänge sind als Pufferzone von einem 50 ha großen LSG umgeben, an dem der mittlere Eschgraben mit dem Hegekopf den größten Flächenanteil hat.

 

 

Besucherhinweis:

 

Von der B 485 her führt oberhalb von Mehlen-Lieschensruh ein Weg durch das Eisenbahnviadukt. An zwei Weggabelungen muss man sich jeweils rechts halten, um in den mittleren Eschgraben zu gelangen. Dieser Weg eignet sich besonders zur Vogelbeobachtung. Ein Einblick in den großen Kalkmagerrasen ist von dem Parkplatz rechts der Bundesstraße zwischen der Eisenbahnbrücke und Buhlen möglich. Sonst ist diese Fläche nicht begehbar. Zu der Zechsteinwand zwischen Lieschensruh und Affoldern führt von der Kreisstraße aus vor Affoldern ein mit Obstbäumen bestandener Feldweg.

 



 

 

Kurzübersicht Pflanzenwelt

Pflanzensoziologisch betrachtet sind die Kalkmagerrasen des Gebietes Enzian-Fiederzwenken-Rasen. Bemerkenswert gut ist der Zustand der größten Fläche an der B 485. Trotz jahrzehntelanger Brache ist dieser Bereich frei von größeren Gehölzen. Das liegt zum einen an der Südexposition und der extremen Flachgründigkeit, aber wohl auch daran, dass die Fläche bis in die 1970er Jahre immer wieder abgeflämmt wurde. Weitere Halbtrockenrasen finden sich in zwei Bereichen des Gemeindsgrabensjm unteren Eschgraben und drei kleineren Restflächen oberhalb und unterhalb des Eisenbahnviaduktes bei Lieschensruh.

 

Charakteristische Arten dieser Bereiche sind Stängellose Kratzdistel (Cirsium acaule), Golddistel (Carlina vulgaris), Deutscher und Gewöhnlicher Fransenenzian (Gentianella germanica, G. ciliata). Das Dreizähnige Knabenkraut (Orchis tridentata) hat hier das am besten besetzte Vorkommen im Kreisgebiet. In günstigen Jahren können mehrere tausende Exemplare in Blüte stehen. Weitere Orchideenarten sind: Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera) - ebenfalls in großer Zahl - Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), die in den letzten Jahren zugenommen hat, Stattliches Knabenkraut (Orchis mascula) und Rotbraune Ständelwurz (Epipactis atrorubens). Der Grasbestand setzt sich zusammen aus Fieder-Zwenke (Brachypodium pinnatum), Pyramiden-Schillergras (Koeleria pyramidata), Trift-Wiesenhafer (Helictotrichon pratense), Zittergras (Briza media) und Aufrechter Trespe (Bromus erectus); charakteristische Seggenarten sind Blaugrüne und Frühlings-Segge (Carex flacca, C. caryophyllea).

 

Insbesondere auf dem größten Halbtrockenrasen entlang der Bundesstraße sind sehr schön die jahreszeitlich wechselnden Blühaspekte zu beobachten: Im zeitigen Frühjahr setzt an offenen Stellen das Blühen von Frühlings-Hungerblümchen (Erophila vulgaris) mit einem weißen Schleier und gelben Farben von Frühlings-Fingerkraut (Potentilla verna) sowie Sand-Fingerkraut (Potentilla arenaria) ein. Ende Mai blüht hellviolett das Dreizähnige Knabenkraut. Im Juni prägen die rötlichen Blütenköpfchen des Kleinen Wiesenknopfes (Sanguisorba minor) das Bild. Im Herbst fallen die gelben Blütendolden des sonst seltenen Sichelblättrigen Hasenohrs (Bupleurum falcatum) ins Auge.

 

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Im Sommer verleiht die Fieder-Zwenke den Halbtrockenrasen eine lichtgrüne Färbung, die später in eine rötlich-gelbe Herbstfärbung übergeht. Dadurch hebt sich der naturnah bewachsene Hang auffällig gegenüber der umgebenden Kulturlandschaft ab. Eine besondere Ausprägung zeigt der flachgründige Magerrasen an der oberen Felskante der Zechsteinwand zwischen Affoldern und Lieschensruh mit schütterer Vegetationsbedeckung. Feld-Steinquendel (Acinos arvensis), Milder Mauerpfeffer (Sedum sexangulare) und Gewöhnlicher Natternkopf (Echium vulgare) zeigen hier den Übergang zu den Felsenköpfen mit lückigem Kalk-Pionierrasen an.

 

An der Zechsteinwand selbst wächst der kulturhistorisch interessante Färber-Waid (Isatis tinctoria). Im Mittelalter wurde im Raum Fritzlar diese Pflanze in großem Umfang zur Gewinnung von Farbstoff für das Blaufärben von Textilien angebaut. Der Färber-Waid hat bei Lieschensruh sein einziges Vorkommen im Kreisgebiet. Eine andere alte Färberpflanze des Hangs ist die Färber-Hundskamille (Anthemis tinctoria).

 

Am Franzosenrain und an der Böschung der Bundesstraße schmücken im Mai zahlreiche Wiesen-Schlüsselblumen (Primula veris) die Landschaft. Die artenreiche Flora im Gebiet setzt sich aus verschiedenen Florenelementen und areal-kundlichen Besonderheiten zusammen. Beispiele für mitteleuropäische Florenelemente mit südlicher Verbreitungstendenz sind Astlose Graslilie (Anthericum liliago), Fliegen-Ragwurz und Kleinblütige Rose (Rosa micrantha). Pontische-subpontische Florenelemente haben einen bedeutenden Anteil an den Steppenrasen des Netzetals, wie z. B. Hügel-Meier (Asperula cynanchica), Bärenschote (Astragalus glycyphyllus) und Sand-Fingerkraut. Diese an extrem trockene und warme Standorte gebundene „Steppenpflanze" hat für die Flora der Netzehänge eine herausragende Bedeutung. Sie hat an seiner nordwestlichen Verbreitungsgrenze in dem Zechsteingebiet zwischen Korbach und Bad Wildungen ein isoliertes Vorkommen.

 

Als südsibirische Florenelemente gelten z. B. Nickendes Leimkraut (Silene nutans) und Rauhaariges Veilchen (Viola hirta). Submediterrane Florenelemente sind u. a. Dreizähniges Knabenkraut, Futter-Esparsette (Onobrychis viciifolia) und Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria).

 

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Kurzübersicht Tierwelt

Spiegelbild der reichen Flora des NSG ist die vielfältige Insektenwelt. 244 Schmetterlingsarten (40 Tagfalter), davon 73 Rote-Liste-Arten, wurden nachgewiesen. Damit ist dieses Gebiet eines der herausragenden Schmetterlingsbiotope im Landkreis. Zwei Arten mit europäischem Schutzstatus kommen hier vor: Thymian-Ameisenbläuling und Spanische Fahne. In Hessen stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht sind folgende Arten: Himmelblauer Bläuling, Dunkler Dickkopffalter, Roter Würfel-Dickkopffalter, Gelber Schwarzpunkt-Flechtenbär, Trockenrasen-Gelb-spanner und in großer Population der Hauhechelspanner. Als typische Art der Kalk-Magerrasen ist der Zwerg-Bläuling auf das Vorkommen des Gewöhnlichen Wundklees (Anthyllis vulneraria) angewiesen.

 

Besondere Bedeutung kommt auch den fünf Widderchen-Arten zu. Das in Deutschland stark gefährdete Distel-Grünwidderchen hat hier das einzige Vorkommen im Landkreis. Bemerkenswert ist die individuenreiche Population des Esparsetten-Widderchens.

 

Von den 70 Käferarten ist besonders der Kleine Bombardierkäfer (Brachius explodens) erwähnenswert. Ein Nachweis der in Deutschland stark gefährdeten, Wärme liebenden Berg-Zikade (Ciadetta vagans) unterstreicht die Bedeutung des Gebietes.

 

Die Heuschrecken sind mit elf Arten vertreten, darunter der Steppengrashüpfer.

 

Charakteristische Vogelarten der offenen Landschaft sind Neuntöter und Dorngrasmücke. In den Gebüschen und baumbestandenen Bereichen kommen u. a. Nachtigall (3 bis 5 Rev.), Baumfalke, Rotmilan, Turteltaube und Klappergrasmücke als Brutvögel vor.

 

Die Magerrasen des NSG werden durch Beweidung mit Heidschnucken und gelegentlicher Entfernung der aufkommenden Gehölze gepflegt.

 

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Genauere Informationen zu

Flora, Fauna und Insektenwelt

des Naturschutzgebietes finden sich

auf den Seiten 156 - 159 in:
„Naturschutzgebiete in Hessen“, Band 4:

Waldeck Frankenberg und Nationalpark Kellerwald-Edersee

 

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