NSG Scheid bei Volkmarsen

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Erstausweisung: 1987
Stadt: Volkmarsen (Ehringen, Lütersheim)
MTB 4620 (kleine Teilfläche MTB 4520)
Schutzgrund: Bot, Zool, Orn
Größe: 88,64 ha
FFH-Gebiet Nr. 4620-301

 

Presseberichte

19.06.2012:

HNA: Paradies vor der Haustür - Beim Waldbegang wurden die Naturschutzmaßnahmen auf dem Scheid erläutert

30.12.2011:
WLZ: Platz schaffen fürs Nadelröschen - Im NSG am Volkmarser Scheid knattern die Motorsägen und Traktoren
HNA: (PDF) Hilfe für den Magerrasen - NSG Scheid: Kiefern weichen für einzigartige Pflanzenwelt

 


Lage und Besonderheiten
Der Muschelkalkrücken Scheid erstreckt sich im Süden der Stadt Volkmarsen an der Erpe entlang in Richtung des Stadtteils Ehringen. Geologisch herrscht eine große Vielfalt, überwiegend handelt es sich jedoch um Unteren Muschelkalk. Auch unterschiedliche Expositionen tragen zu einer Vielzahl an Lebensräumen bei. Über den Scheidrücken verlief früher eine Heerstraße. Im Bereich der Scheidwarte sind noch die Wälle einer alten Landwehr zu erkennen. Im Mittelalter wurde das Gebiet bereits extensiv beweidet, im 20. Jahrhundert nur mit Schafen. Die ebene Hochfläche diente seit den 1930er Jahren bis in die 70er Jahre der Ackernutzung.

 

Heute präsentiert sich das NSG als einer der besterhaltenen und ausgedehntesten Kalk-Halbtrockenrasen in Waldeck-Frankenberg. An den Hängen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts standortfremde Baumarten gepflanzt, von denen sich auf trockenen Standorten nur die Kiefer halten konnte.

 

Besucherhinweis:

Das NSG lässt sich von dem Neubaugebiet der Stadt Volkmarsen am Scheid aus erwandern, oder man fährt von der Kreisstraße Volkmarsen - Lütersheim her an: Ein Kilometer nach dem Ortsrand von Volkmarsen biegt links ein Feldweg zum Scheid ab (zur Orientierung: die Scheid-Warte liegt bei dieser Zufahrt linker Hand). Für ein erstes Kennenlernen des Gebietes empfiehlt sich der kleine Scheid-Rundweg (es gibt auch einen großen Rundweg), von dem aus man schöne Blicke z. B. auf Volkmarsen und seinen Stadtteil Ehringen hat.

 

 

 

 

Kurzübersicht Pflanzenwelt

Die Kalkmagerrasen des Scheid gehören pflanzensoziologisch zum Enzian-Fiederzwenken-Rasen. Kleinflächig ist der Magerrasen sehr lückig. Hier finden sich an trocken-heißen und steinigen Südhängen dichte Bestände der Falschen Rentierflechte (Cladonia rangiformis) und als herausragende floristische Besonderheit das Gewöhnliche Nadelröschen (Fumana procumbens), erstmals 1986 von Winfried Becker nachgewiesen, der den Bestand inzwischen auf über tausend Exemplare schätzt. Der mediterrane, sehr Wärme liebende und nur bei Sonnenschein blühende 5 bis 20 cm hohe Zwergstrauch hat hier seinen einzigen Fundort im Kreis Waldeck-Frankenberg. In Hessen ist er vom Aussterben bedroht. Auch deutschlandweit handelt es sich um eine sehr seltene Art. Am Scheid bei Volkmarsen besitzt sie einen weit nach Norden vorgeschobenen Wuchsort.

 

In reichen Beständen vertreten ist das Dreizähnige Knabenkraut (Orchis tridentata). Unter den hell bis dunkel-rosa blühenden Pflanzen kann der Beobachter auch einzelne Exemplare mit weißen Blütenköpfen finden. Der Bestand des Dreizähnigen Knabenkrauts hat durch konsequente Beweidung in den letzten Jahren zugenommen. Es wandert sogar in den ehemals als Acker genutzten Grünlandbereich ein. Häufig ist auch die Fliegen-Ragwurz (Oph-rys insectifera). Weiterhin erfreuen die Orchideen Stattliches Knabenkraut (Orchis mascula), Rotbraune Ständelwurz (Epipactis atrorubens), Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopseo), Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) und Großes Zweiblatt (Listera ovata). In Bereichen mit sehr kurzrasigen, lückigen Rasen gedeiht das Gewöhnliche Katzenpfötchen (Antennaria dioica).

 

Bemerkenswert sind auch die beiden blau blühenden Arten Großer Ehrenpreis (Veronica teucrium) und Sumpf-Kreuzblümchen (Polygala amarella). In weiten Bereichen ist Anfang Juni der Hufeisenklee (Hippocrepis comosa) mit seiner gelben Blütenpracht aspektbildend. Im Herbst findet man relativ häufig Gewöhnlichen und Deutschen Fransenenzian (Gentianella ciliata, G. germanica). Die Kalkmagerrasen der ehemals beackerten ebenen Hochfläche werden von der Aufrechten Trespe (Bromus erectus) dominiert.

 

Besonderheiten der Rosenflora sind die Keilblättrige und Kleinblütige Rose (Rosa elliptica, R. micrantha), zwei Wärme liebende, seltene Arten. In den bewaldeten Bereichen hat sich vor allem unter den Kiefern zum Teil schon eine zweite Baum- bzw. Strauchschicht aus standortgerechten Gehölzen ausgebildet. Die mögliche Entwicklung hin zu einem Kalk-Buchenwald wird bereits durch das Vorkommen von Eisbeere (s. S. 40), Weißem Waldvöglein (Cephalanthem damasonium) und Finger-Segge (Carex digitata) angedeutet.

 

Kurzübersicht Tierwelt

Im NSG wurden 45 Vogelarten nachgewiesen, von denen 26 die Halbtrockenrasenbereiche zum Nisten oder zur Nahrungssuche nutzen wie Neuntöter (2003: 3 Rev.), Dorngrasmücke, Feldschwirl, Baumpieper, Grünspecht und Kuckuck.

 

Der Scheid bietet gut geeignete Habitate für Schlingnatter (letzter Nachweis 2003) und Zauneidechse.

 

Auf den Kalkmagerrasen kommen folgende Gehäuseschnecken vor: Quendelschnecke (Candidula unifascciata), Gemeine Heideschnecke (Helicella itala), Zylinderwindelschnecke (Truncatellina cylindrica), Blindschnecke (Cedlioides acicula) und Moospuppenschnecke (Pupilla muscorum). Die Gemeine Heideschnecke ist von den genannten Arten am häufigsten und gilt als Charakterart der Kalkmagerrasen.

 

Eine charakteristische Spinnenart der Halbtrockenrasen des Scheid ist die nur 5 mm große Springspinne Pellens tripunctata. Sie jagt ihre Beutetiere - z. B. Fliegen oder Stechmücken - bevorzugt an sonnenexponierten, hängigen Halbtrockenrasen und überwintert in leeren Gehäusen von Heideschnecken, die auf dem Scheid in großer Zahl herumliegen.

 

Ein vielstimmiges Zirpen der Heuschrecken begleitet an warmen Sommertagen den Besucher. Typische und häufige Heuschrecken (insgesamt zehn Arten) sind Heidegrashüpfer und Nachtigall-Grashüpfer. Feldgrille (eines von zwei aktuellen Vorkommen in Waldeck-Frankenberg) und Kurzflügelige Beißschrecke sind bedrohte Arten.

 

Im Sommer werden die ausgedehnten Blütenteppiche der Kalkmagerrasen von unzähligen Schmetterlingen besucht. 124 Arten konnten bisher nachgewiesen werden. Von den 41 bedrohten Tagfalterarten sind besonders die in Deutschland stark gefährdeten Arten Ginster-Bläuling und Thymian-Ameisenbläuling erwähnenswert. Die Raupen der individuenreichen Population des Esparsetten-Widderchens leben auf Gewöhnlichem Hornklee (Lotus corniculatus).

 

Die überregionale Bedeutung des Gebietes verdeutlicht auch der 1991 erbrachte Nachweis des Mondfleck-Laufkäfers (Callistus lunatus).

 

Die Pflege des NSG erfolgt von Ende Juni bis Mitte Juli durch Schafe; ein 10 ha großer Bereich im Südosten wird von Anfang August bis Mitte Oktober mit Rindern beweidet.

 

Klicken Sie auf die Miniaturen, um sie zu vergrößern.



Genauere Informationen zu

Flora, Fauna und Insektenwelt

des Naturschutzgebietes finden sich

auf den Seiten 108 -111 in:
„Naturschutzgebiete in Hessen“, Band 4:

Waldeck Frankenberg und Nationalpark Kellerwald-Edersee

 

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