NSG Kahle Hardt bei Scheid am Edersee

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Erstausweisung: 1993
Gemeinde: Vöhl (Basdorf)
Schutzgrund: Bot, Zool
Größe: 25,75 ha
MTB 4819 u. 4820
FFH-Gebiet Nr. 4819-306
Teil von FFH-Gebiet „Edersee-Steilhänge"
Nr. 4720-304

 

Lage und Besonderheiten
In seiner „Vegetationskarte der Bundesrepublik Deutschland" bezeichnet U. BOHN (1996) die Kahle Hardt als „ein herausragendes und besonders schutzwürdiges Gebiet von nationaler Bedeutung". Die mehrhundertjährigen Eichen gehören zu einem der ältesten Waldbestände Mitteleuropas. Wegen seiner bizarren Ausstattung und seiner faszinierenden Tier- und Pflanzenwelt wurde das Gebiet in der letzten Zeit intensiv erforscht.

 

Dass die Menschen seinen Kernbereich nie intensiv forstlich genutzt haben, ist der extremen Steilheit des ehemaligen Prallhangs der Eder zu verdanken. Der südwest-exponierte Hang westlich der Edersee-Halb-insel Scheid besteht überwiegend aus Tonschiefer. In den durch mehrere Einschnitte gegliederten Hang sind extrem trockene Schieferschuttdecken und Felsbildungen eingebettet, so dass auf kleinstem Raum ein höchst vielfältiges Biotoptypenmosaik ausgebildet ist. Das Kleinklima des Steilhangs ist trocken und heiss. Im Sommer erwärmen sich die bodennahen Luftschichten z. T. auf über 60 Grad, im Winter können sie auf mehr als minus 30 Grad Celsius absinken.

 

Wärme liebende Eichen-Trockenwälder haben ihre Hauptverbreitung im Mittelmeergebiet. In Deutschland gedeihen sie nur an extremen Standorten. An der Kahlen Hardt stockt ein Ginster-Traubeneichen-Wald. Der lückig ausgeprägte Wald mit hohem Totholzanteil erreicht an diesem Standort seine Trockengrenze.

 

Besucherhinweise

Am Mittelhang der Kahlen Hardt verläuft der Knorreichenstieg als Teil des Urwaldsteigs. Er bietet schöne Blicke auf den Eichen-Urwald, den Edersee und das jenseits von diesem gelegene Nationalparkgebiet. Sehr lohnend ist auch der obere Wanderweg, der zur „Schönen Aussicht" führt.

 


 

 

Kurzübersicht Pflanzenwelt

Die uralten Trauben-Eichen haben sich bei den extremen Lebensbedingungen nur sehr langsam entwickeln können und erreichen selten eine Höhe von mehr als fünf Metern. Die Flachgründigkeit des Bodens und die Wurzelkonkurrenz bedingen relativ große Abstände zu den Nachbarn. Durch Erosion wurde die oberste Wurzelschicht oft freigelegt, vielfach bilden mächtige Wurzelknollen den Stammfußbereich. Stirbt ein Altbaum, treiben aus dem Stammfuß oft junge Triebe, die zu einer neuen Baumgeneration heranwachsen und somit ein ewiges Werden und Vergehen symbolisieren. Regelmäßig finden sich Dürreschäden und natürliche Alterung von Strukturen. So besitzt jeder Baum eine individuelle Gestalt mit oft bizarren Formen.

Neben den Trauben-Eichen wachsen an dem Steilhang Mehlbeere und vereinzelt Eisbeere (s. S. 40) und Wild-Birne, außerdem Hänge-Birke, Zitter-Pappel und Rot-Buche. Zu den für diesen Standort charakteristischen Wärme liebenden Felsgebüschen zählen Filzige und Kleinblütige Rose (Rosa tomentosa ssp. scabriuscula, R. micrantha). Gemeine Felsenmispel (Cotoneaster integerrimus) und Eingriffeliger Weißdorn (Crataegus monogyna). In der Krautschicht des Eichenwaldes kommen als kennzeichnende Arten vor: Astlose Graslilie (Anthericum liliago), Erbsen-Wicke (Vida pisiformis), Schwalbenwurz (Vince-toxicum hirundinaria), Felsen-Fetthenne (Sedum rupestre) und seltene Habichtskräuter, z. B. das Lotwurzblättrige Habichtskraut (Hieracium onosmoides).

 

Steigernd auf die Artenvielfalt wirken sich auch andere Waldtypen des NSG aus: Rotbuchen-Wälder (insbesondere Bodensaurer Hainsimsen-Buchenwald, aber auch Waldmeister-Buchenwald) und Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald sowie Edellaubwald. Das Gebiet birgt seltene, auf Ausnahmestandorte beschränkte Pflanzengesellschaften mit zahlreichen floristischen Kostbarkeiten. Insgesamt 202 Gefäßpflanzenarten konnten nachgewiesen werden (Stand: 1996), darunter gefährdete wie Schwertblättriges und Rotes Waldvöglein (Cephalanthera longifolia, C. rubra), Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopea) und Großblütiger Fingerhut (Digitalis grandiflo-ra). Extrem selten im Kreisgebiet und eine Besonderheit des östlichen Ederseegebietes sowie des Wildunger und Zierenberger Raumes im Nachbarkreis ist die Deutsche Hundszunge (Cynoglossum germanicum).

 

Untersuchungen der Pilzflora erbrachten im Trockenjahr 2003 97 Arten. Im Wesentlichen sind es holzbewohnende Pilze. Typisch und häufig sind z. B. die auf Eichen spezialisierten Eichenrindensprenger (Vuilleminia comedens) und der Eichen-Zystidenrindenpilz (Peniophora quercina). Ein Neufund für Hessen ist der Rausporige Resupinatporling (Pachykytospora tuberculosa), der in Deutschland stark gefährdet ist. Die auf subkontinentales Klima mit heißen Sommern angewiesene Art ist auf Eichen spezialisiert.

 

Erst 27 Flechten- und 7 Moosarten sind bisher von der Kahlen Hardt bekannt.

 

Detaillierte Informationen zu den Vegetationseinheiten finden Sie in "Naturschutzgebiete in Hessen" Band 4 (Seiten 149-150).

 

 

Kurzübersicht Tierwelt

Die Vogelwelt ist besonders durch Höhlenbrüter geprägt. Neben dem häufigen Buntspecht kommen Schwarz-, Grau-, Mittel- und Kleinspecht vor. Weiterhin brüten hier Hohltaube, Trauerschnäpper und Gartenrotschwanz. Auch der Rotmilan horstet hin und wieder im Gebiet.

12 Fledermausarten wurden registriert. Die höhlenreichen Bäume dienen verschiedenen Wald-Fledermäusen als Quartier. Besonders hervorzuheben ist die Bechstein-Fledermaus (FFH-Art), die auch im benachbarten Nationalpark lebt.

 

Die Reptilien sind durch die Zauneidechse vertreten.

 

Aus der Gruppe der Insekten wurden die Käfer mit 527 Arten (bis 2003) nachgewiesen, davon stehen 111 auf der Roten Liste Deutschlands. Bemerkenswert an der Käferfauna ist der hohe Anteil an seltenen Holzbewohnern. Unter den 127 Arten sind fast 30 % gefährdet. Hervorzuheben sind die Wärme und Trockenheit liebenden Arten. Vergleichbare Standorte findet man erst wieder im Rhein-Main-Gebiet. Die Kahle Hardt kann als eines der bedeutendsten Rückzugsgebiete für die Käferfauna in Deutschland gewertet werden. Eine ganze Reihe von Arten wurde noch nie in Nordhessen gefunden.

 

Für das Nationalparkgebiet auf der anderen Seite des Edersees hat die Kahle Hardt eine wichtige Funktion als Ausbreitungszentrum bedrohter Arten. Europaweit geschützt sind der Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer, Hirschkäfer und Spanische Fahne (Euplagia quadripunctaria), ein Wärme liebender Bärenspinner, der hier eine individuenreiche, reproduzierende Population besitzt.

 

Insbesondere der zentrale Bereich des Gebietes ist relativ arm an Tagfalterarten (17 im gesamten NSG), was auf die spärliche Bodenvegetation zurückzuführen ist. Bemerkenswerte Arten sind Großer Schillerfalter und Trauermantel. Arten- und individuenreicher vertreten sind die wesentlich weiter spezialisierten Nachtfalter. Es gelangen einige Neufunde für Nordhessen, z. B. der Eichenglucke (Phyllodesma tremuifolia). Sie gilt als Leitart bodensaurer trockener Eichenwälder.

 

Recht gut untersucht sind auch die Stechimmen. Unter den 117 Arten konnte die hochseltene Wegspinne (Arachnospila sogdanoides) erstmals für Hessen nachgewiesen werden. Sie lebt nur in Wärmegebieten wie dem Kyffhäuser und dem Kaiserstuhl. Von den sieben nachgewiesenen Heuschreckenarten verdient der Steppengrashüpfer als dominierende Art (größte Population in Nordhessen!) besondere Aufmerksamkeit. Er ist an seinen kratzigen Tönen zu erkennen, während die ebenfalls Wärme liebende Waldgrille einen wohlklingenden Gesang hat.

 

 

Klicken Sie auf die Miniaturen, um sie zu vergrößern.



Genauere Informationen zu

Flora, Fauna und Insektenwelt

des Naturschutzgebietes finden sich

auf den Seiten 149 - 152 in:
„Naturschutzgebiete in Hessen“, Band 4:

Waldeck Frankenberg und Nationalpark Kellerwald-Edersee

 

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